LITERARISCHE GESCHLECHTSREIFE*

Mit dreizehn entdeckte ich, dass ich Brüste bekam und dass sich ein kleines bisschen Mut dahinter befand, und so ging ich nach Schulschluss in die Buchhandlung. Meine dortigen Besuche waren beeinträchtigt vom Zeitdruck, denn ein Bus zu meinem kleinen Dorf in den Voralpen fuhr nur viermal täglich. Ich hatte große Angst, die Buchhändler würden mich für eine Diebin halten, wenn ich mich jedes Mal nur hektisch umsah, aber nie etwas kaufte. Ich musste mich also einmal für ein Buch entscheiden. Auf einem frei stehenden Tisch entdeckte ich ein in blau gehaltenes Cover. Darauf zu sehen war ein Kind mit langen Haaren und diebischem Lächeln, das mit einem riesigen Hammer auf ein auf dem Amboss liegenden Herz einschlug. Ich hatte natürlich keinen Schimmer, dass das ein eine Darstellung Eros’ war. Ich (in der Pubertät, den Hormonen zum Abschuss ausgeliefert) dachte nur daran, wie zerbrechlich Herzen sind und wie rücksichtlos manche mit ihnen spielen. Vom Autor, Jeffrey Eugenides, hatte ich noch nie gehört. Den Klappentext ignorierte ich, was was ein Pulizer-Preis ist, wusste ich ohnehin nicht, es klang jedoch wichtig, und dass der Titel dieses Romans, “Middlesex”, das Wort “Sex” beinhaltete, machte mich neugierig. Also hastete ich zum Tresen, bezahlte unter Zuhilfenahme aller am Boden meiner Schultasche befindlichen Münzen die für mich astronomische Summe von 20,45 Euro. Und ehe mich jemand fragte, ob mir meine Eltern überhaupt erlauben, etwas mit dem Wort “Sex” im Titel zu kaufen, rannte ich aus der Buchhandlung.

Noch im Zug begann ich zu lesen. Drei Tage später war ich nicht nur mit den siebenhundert Seiten fertig, sondern ein anderer Mensch geworden. Als ob mich mein erstes Buch für Erwachsene erwachsen gemacht hätte.
“Middlesex” handelt von Cal, der aufgrund des Inzests seiner griechischen Großeltern als hermaphrodit geboren und dann als Mädchen Calliope aufgezogen wird, ehe er beschließt, als Mann leben zu wollen. Ausgehend von dieser Figur wird die Geschichte der gesamten Familie und all ihrer Mitglieder erzählt. Beim Lesen erfuhr ich etwas über die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien, das Leben in der griechischen Diaspora und den American Dream, und ich lernte, dass man seiner Familie nie entfliehen kann. Familie ist immer da, und die Entscheidungen eines Einzelnen beeinflussen schlussendlich alle. Als ich las, wie Cal seinen Großeltern ihren Inzest vergibt, versöhnte ich mich mit dem Leben, in das mich meine Familie geworfen hatte. Genauso, wie Cals Großeltern sich nicht ausgesucht hatten, sich ineinander zu verlieben, hatten meine Großeltern keine andere Wahl gehabt, als in diesem niederösterrichischen Dorf zu leben, in dem sie geboren worden waren. Genauso wie meine Eltern, die  nun mal Baugrund von meinen Urgroßeltern vermacht bekommen hatten und zum Teufel gejagt worden wären, falls sie das Erbe verkauft hätten. Ich weiß, es ist unfair, die Folgen einer Genmutation mit den Widrigkeiten einer Landjugend in einen Topf zu werfen, aber zu meiner Entschuldigung: Ich war dreizehn.
Am allerwichtigsten aber sollte eine Szene für mich werden. Eine Figur namens Milton kommt während einer Verfolgungsjagd von der Straße ab. Zunächst heißt es, dass der Wagen plätzlich von alleine fährt, gar nicht mehr gelenkt werden muss und Milton zurückführt an die Stationen seines Lebens – und plötzlich merkt man, dass die Figur soeben verstorben ist. Dieser erzählerische Kunstgriff beeindruckte mich so massiv, dass ich ihn stehlen musste. Und so schrieb ich die erste Kurzgeschichte meines Lebens. Sie handelt von einer jungen Frau, die sich ständig in schlimme Schwierigkeiten bringt, weil sie denkt, ihr Vater liebe sie nicht. Und als ihr der Vater schließlich zu Hilfe eilt, kommt er mit seinem Wagen vom Weg ab und wundert sich, dass das Auto plötzlich von alleine fährt.
Kurze Zeit später las ich in der Lokalzeitung von einem Schreibwettbewerb für 14- bis 24-Jährige, sandte die Geschichte ein und hoffte, niemandem würde auffallen, dass ich erst dreizehn war. Mein Deutschlehrer, der in seiner Studienzeit mit der Wiener Gruppe im Cafe Hawelka abgehangen hatte, selbst aber nie etwas veröffentlicht hatte, meinte, die Geschichte sei scheiße. Er empfahl mir, anzurufen und sie zurückzuziehen. Zum Glück traute ich mich nicht. Die Jury nämich fand den Text so gut, dass sie mir das Jugendamt schickte. Man dachte, eine Dreizehnjährige könne sich so etwas nie ausdenken. Nachdem das Jugendamt jedoch festgestellt hatte, dass meine Eltern glücklich verheiratet waren und ich keine Drogen nahm, bekam ich den ersten Preis: tausend Euro. Panisch beichte ich daraufhin der Jury, dass ich die Szene mit dem Tod des Vaters gestohlen hatte. Die jedoch meinte, diese Szene habe ihnen am wenigstens gefallen, sie habe wie ein Fremdkörper gewirkt, und ich hätte den Preis für die Schilderung der Beziehung zwishen Vater und Tochter erhalten. Daraufhin investierte ich das Geld in einen Laptop und begann, aus dieser Kurzgeschichte einen Roman zu machen. Natürlich scheiterte ich kläglich. Doch ich gab nicht auf, las noch viele Male “Middlesex”, bis zehn Jahre später tatsächlich mein erster Roman fertig und veröffentlicht wurde.
Je mehr ich nachdenke, desto mehr Episoden fallen mir ein, in denen “Middlesex” Einfluss auf mich hatte: etwa, als ich entschied, für ein halbes Jahr nach Detroit zu gehen (wo das Buch spielt), oder als ich sechs Stunden lang durch die Buchhandlungen Triests lief, um meinem Geliebten die italienische Übersetzung zu schenken. Oder die Nacht, in der besagter Geliebter und ich bis in den Sonnenaufgang über dieses Buch redeten und ich endlich verstand, was Glück bedeutet, nämlich in einem Moment an keinem anderen Ort mit keinem anderen Menschen in keiner anderen Situation sein zu wollen. Weil ich in meinem zweiten Roman “Makarionissi” auch eine griechische Familiengeschichte erzähle, taufte ich eine der Figuren zu Ehren von Eugenides nach seinem Helden Eleftherios, von allen Lefty gerufen.
Das einzige Problem: Wenn man so sehr an einem Buch hängt, verleitet es einen zu kruden Handlungen. Letztes Jahr gab ich die von mir mit dreichzehn erstandene Ausgabe als Zeichen meiner Liebe einem Mann, von dem ich dachte, wir würden sicher den Rest unseres Lebens miteinander verbringen. Natürlich endete diese Beziehung im Drama. Wir reden nicht mehr miteinander. Aber mein “Middlesex” will ich zurückhaben. Und wenn das bedeutet, dass ich bei ihm einbrechen muss. Liebschaften kommen und gehen. Doch dieses eine Buch, das mein Leben von Grund auf veränderte, muss auf ewig an meiner Seite bleiben.

VEA KAISER  was born and raised in the Kasten village in Lower Austria. She is now living in Vienna and studies ancient Greek. Her novels “Blasmusikpop” (2012) and “Makarionissi” (2015, both pblished by KiWi) are swift, jam-packed  and ludicrous family sagas, praised both by the readers and audience.

*I asked and Vea Kaiser allowed that I post this text on my webpage.

 

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